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Middlebury College „verbietet“ Wikipedia-Zitate

Vor einigen Wochen ging es auch durch die deutschsprachige Presse (hier stellvertretend der Link zur Meldung bei heise.de (3)): Das Middlebury College in Vermont, genauer das Departement für Geschichte, gab folgende Weisung zuhanden der Studierenden aus.

„Whereas Wikipedia is extraordinarily convenient and, for some general purposes, extremely useful, it nonetheless suffers inevitably from inaccuracies deriving in large measure from its unique manner of compilation.
Therefore be it resolved that students in all history classes be informed early in each term through additions to syllabi and to senior thesis instructions that:
1) Students are responsible for the accuracy of information they provide, and they cannot point to Wikipedia or any similar source that may appear in the future to escape the consequences of errors.
2) Wikipedia is not an acceptable citation, even though it may lead one to a citable source.“ (4)

Anlass für diese Stellungnahme war der Umstand, dass einige Studierende fehlerhafte Informationen in Arbeiten oder Prüfungen mit dem Hinweis zu entschuldigen (oder gar zu rechtfertigen) versuchten, dass diese Informationen aus Wikipedia stammten (ob sie diese fehlerhaften Informationen in den Arbeiten korrekt nachgewiesen hatten, oder sich erst nach der Korrektur auf Wikipedia beriefen, wird aus den Meldungen nicht ersichtlich).

Der Entscheid löste einiges an Reaktionen aus. Der erste Bericht, der in der Online-Zeitschrift „Insidehighered“ von der Resolution des Colleges berichtete (1), regte 97 Kommentare von Leser/innen an, die sich entschieden für oder entschieden gegen dieses „Verbot“ („ban“) aussprachen.

Wer aufmerksam die Resolution liest, merkt, dass die Bezeichnung „Verbot“ etwas weit führt. So wird die Verantwortung der Studierenden, die Vertrauenswürdigkeit der von ihnen genutzten Informationen zu prüfen, ausdrücklich erwähnt. Allerdings frage ich mich, weshalb dann dennoch ebenso ausdrücklich die Aussage gemacht werden muss, dass Wikipedia nicht zitierbar sei – offenbar merken dass die Studierenden trotz der Ausbildung an der Hochschule nicht selber, ob (oder allenfalls wann) Wikipedia zitiert werden kann.

In der Debatte, warum Wikipedia nicht zitierfähig ist, lassen sich ja zwei Hauptargumente unterscheiden: Das eine stellt die mangelnde Qualitätssicherung eines Werkes, bei dem jedermann mitwirken kann, in den Vordergrund, das andere stellt sich auf den Standpunkt, dass lexikalisches Wissen als Grundlage für wissenschaftliche Arbeiten nicht ausreiche. Diese Argumente lassen sich wohl nicht ganz eindeutig voneinander trennen, und eine solche Trennung ist wohl in der Praxis gar nicht so wichtig. Dennoch stösst mir etwas seltsam auf, wie sie gerade im Falle von Middlebury vermischt werden. So führt das College in der gleichen Mitteilung, in der sie auch obenstehende Begründung abdruckte, die sich ja auf die mangelnde Qualität bezieht, folgendes an:

„In an interview with the New York Times, Wikipedia co-founder Jimmy Wales said of the Middlebury policy, «I don’t consider it as a negative thing at all. Basically, they are recommending exactly what we suggested — students shouldn’t be citing encyclopedias. I would hope they wouldn’t be citing Encyclopaedia Britannica, either.»“ (4)

Da reden die Beteiligten doch deutlich aneinander vorbei…

Aber egal. Ich selber schliesse mich dem Standpunkt von T. Mills Kelly von der George Mason University an. Er gesteht in einem Blog-Eintrag unter dem Titel „Why I Won’t Get Hired at Middlebury„, dass er Wikipedia sogar als Lehrmittel in seinen Kursen einsetzt:

Even the folks at Middlebury admit this–students there are allowed to use Wikipedia for their research–they just can’t cite Wikipedia in their papers (explain that one to me). So, it seems to me that as educators we have an obligation to teach our students how to make appropriate use of the resources they are using and I’m not sure how a ban on citation will teach them anything worth knowing.

To address this problem, I’ve required each student in my class to create or substantially edit one historical entry in Wikipedia, complete with bibliography, link to other entries, an image (where appropriate), and so on. Then they must track what happens to their entry during the 14 weeks they are enrolled in my class and at the end of the semester they will write an essay in which they (a) analyze what happened to their entry and (b) analyze what they learned about the creation of historical content from the experience. Along the way we’ll be discussing all the things that make us squeamish about Wikipedia–the constant ebb and flow of facts in the entries, the problems of vandalism, and so on. (2)

Nun, genau das (oder ziemlich genau das) habe ich am letztwöchigen Werkstatt-Gespräch empfohlen, und Peter Haber macht das in seinem medienpraktischen Kurs in diesem Sommersemester (und in bescheidenerem Rahmen auch ich in meinem Forschungsatelier).

Irgendwann wird sich die Aufregung gelegt haben, Wikipedia wird ein selbstverständlicher Teil unseres wissenschaftlichen Alltags sein und die Frage, ob Wikipedia zitiert werden darf oder soll oder kann, wird sich dann erledigt haben.

Literatur & Links:

  1. Jaschik, Scott: „A Stand Against Wikipedia“, in: Inside Higher Ed, 26.1.2007, (http://insidehighered.com/news/2007/01/26/wiki [25.4.2007]).
  2. Kelly, T. Mills: Why I Won’t Get Hired at Middlebury, 26.1.2007 (http://edwired.org/?p=126 [25.4.2007]).
  3. Rötzer, Florian: US-College verbietet Wikipedia als wissenschaftliche Quelle, 21.2.2007 (http://www.heise.de/newsticker/meldung/85637 [25.4.2007])
  4. Middlebury College: Wikipedia in academia: History department decision still fueling debate, 23.3.2007 (http://www.middlebury.edu/about/newsevents/archive/2007/ newsevents_633084484309809133.htm [25.4.2007]).

2 Kommentare auf “Middlebury College „verbietet“ Wikipedia-Zitate”

  1. Jan Hodel meint:

    Beim „Nachbereiten“ bin ich auf einen älteren Beitrag (vom September 2006) von Klaus Graf bei archivalia gestossen, der zu ähnlichen Schlüssen kommt:

    Sieht man für eine Anzahl von Artikel, die in Anbetracht der Gesamtzahl (über 400.000 der deutschsprachigen Version) natürlich verschwindend klein ist, die Wikipedia auf dem Niveau eines seriösen Fachlexikons, so ist es natürlich keine Frage, ob sie zitierfähig ist. […] Wenn Artikel den Forscher weiterführen, dann dürfen sie nicht nur zitiert werden, sie müssen es nach den Standards wissenschaftlichen Arbeitens auch.

    Dem ist nicht viel mehr hinzuzufügen ausser dem Hinweis, dass es eben dem Leser, der Leserin überantwortet ist, diese Artikel, die zitierfähig sind, zu identifizieren. Und von einigen Artikeln aufs Ganze zu schliessen, geht bei Wikipedia eben nicht; weil einige Artikel möglicherweise zitierfähig sind, ist es Wikipedia als Ganzes dennoch nicht.

  2. weblog.histnet.ch meint:

    […] Kelly ist auch der Historiker, der mit dem Ansatz, Wikipedia als Studienliteratur für seine historische Lehrveranstaltung zu nutzen (und dabei die Studierenden verpflichtet, selber in Wikipedia zu publizieren und zu editieren), in scharfem Kontrast steht zur Philosophie seiner Kollegen am Middlebury College, die Wikipedia als nicht zitierbar deklarieren.? […]

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