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Derrida säurefrei

Das kommt davon, wenn man das Thema so weit spannt: «Archiv, Speicher, Gedächtnis» lautet das Thema meines Seminars im laufenden Semester. Letzten Montag begannen die Schlusspräsentationen der Arbeitsgruppen und sie begannen mit einer Netzpanne, die gleich den gesamten Zeitplan verschoben hatte.

So kam es, dass wir uns heute dem Thema Archiv sowohl aus archivistischer als auch aus kulturwissenschaftlicher Sicht gewidmet haben. Alles in allem war das eine ziemlich grandiose Mischung, denn so standen neben den säurefreien Archivschachteln Derrida und Didi-Hubermann im Raum. Eskortiert von Aleida Assmann und Wolfgang Ernst. Vielmehr passt nicht in 90 Minuten und ich war zwar sehr zufrieden mit der heutigen Sitzung, aber auch ziemlich erschöpft.

Jede/r Seminarteilnehmer/in schreibt einen Bericht zu einem der Präsentation, so dass alles, was heute im Keller an der Bernoullistrasse über die Bühne ging, nachlesbar sein wird – und ich denke, es lohnt sich, denn die Präsentationen bestanden aus einigen wirklich wunderbar dichten und doch verständlichen Referaten!

Die gesammelten Einträge zum Archiv der Archivistik gibt es hier, die Beiträge zum kulturwissenschaftlichen Begriff des Archivs – Foucault, Derrida, Didi-Hubermann, Assmann und Ernst – sind hier versammelt.

(Hinweis: die Berichte zu den Schlusspräsentationen dürften in den nächsten Tagen aufgeschaltet werden, bereits online sind die Berichte zu den Zwischenpräsentationen vor ein paar Wochen).

Archiv, Speicher, Gedächtnis

Semesteranfang. Leichte Nervosität, hektische Vorbereitungen bis spät in die Nacht. Fast 90 Studierende hatten sich bis gestern für mein Seminar «Archiv, Speicher, Gedächtnis» am Institut für Medienwissenschaft der Uni Basel angemeldet, für rund fünfzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat es Platz im Seminarraum.

Ein Seminar mit neunzig Teilnehmenden? Nein, das bringt nichts und deshalb hatte ich rechtzeitig umdisponiert und beschlossen, die Veranstaltung dreigleisig zu fahren: mit Präsenzunterricht, Gruppenarbeiten und mit einem eigens eingerichteten Weblog.
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Vom Vergessen

Die technischen Möglichkeiten des Computerzeitalters verlocken heute dazu, zu vergessen, wie wichtig das Vergessen ist. Dass aber eine Gesellschaft, die nicht vergessen kann, nicht überlebensfähig ist, wussten schon die Autoren des Talmud: Im Traktat Nidda heisst es, dass das Ungeborene im Mutterleib die ganze Thora auswendig kennt. Im Augenblick der Geburt aber kommt ein Engel und gibt dem Neugeborenen einen Klaps – das Kind vergisst alles und muss die Heilige Schrift von Anfang an neu lernen:

Das Kind im Leibe seiner Mutter gleicht einer zusammengeschlagen liegenden Schreibmappe. […] Kommt es in den Weltenraum, so wird geöffnet, was geschlossen war, und geschlossen, was geöffnet war, denn sonst würde es nicht eine Stunde leben. Auf seinem Kopfe brennt ein Licht, und es schaut und sieht von einem Ende der Welt bis zum anderen Ende, wie es heisst: da er seine Leuchte strahlte über meinem Haupte, bei seinem Lichte wandle ich im Finstern. […] Es gibt keine Tage, die der Mensch so angenehm verbringt, wie diese Tage, denn es heisst: O, wäre ich wie in den Monden der Vorzeit, wie in den Tagen, die Gott mich behütete. […] Welche Tage sind es, die nur Monate und nicht Jahre haben? Es sind die Geburtsmonate. Man lehrt ihn die ganze Tora, wie es heisst: er unterwies mich und sprach zu mir: Dein Herz erfasse meine Worte, wahre meine Gebote und du lebst. […] Sobald er in den Weltenraum gekommen ist, kommt ein Engel, klapst ihn auf den Mund, und macht ihn die ganze Tora wieder vergessen, denn es heisst: an der Tür lagert die Sünde.*

*Zitiert nach: Der babylonische Talmud. Nach der ersten zensurfreien Ausgabe unter Berücksichtigung der neueren Ausgaben und handschriftlichen Materials ins Deutsche übersetzt von Lazarus Goldschmidt (12 Bände), Frankfurt am Main 1996 (zuerst: Berlin 1930-1936), Bd. 12, S. 440f.

Digitale Erinnerungen oder: Vom (gelegentlichen) Verschwinden der Instrumente

Natürlich war das purer Zufall: In den letzten Tagen haben sich gleich zwei von mir seit Jahren häufig besuchte Web-Adressen ein neues Gesicht gegeben: die Universitätsbibliothek Basel und der Tages-Anzeiger in Zürich. Bei der UB ist mir aufgefallen, dass die eigensinnig-bunte Seite, die seit «Menschengedenken» im Netz war, nun einem schlichten, sterilen, aber natürlich sehr funktionalem Erscheinungsbild gewichen ist. Ziemlicher Mainstream im Bereich Bibliotheken, aber eben: ein gutes Arbeitsinstrument.

Beim Tages-Anzeiger hingegen ist es nicht einmal Mainstream, was geboten wird, es ist einfach eine weitere Spielart der FAZ-NZZ-NYT-Clone. Während aber die gute alte Tante NZZ (die immer schon einen Tick besser war im Netz als alle anderen im deutschen Sprachraum) durchdacht und aufgeräumt ist, wirkt die Tagi-Seite ziemlich voll und noch wenig durchdacht. Es reicht halt eben nicht, die visuelle Sprache des Mainstreams zu übernehmen und die einzelnen Elemente über die Seite zu streuen.

Einige Beobachtungen zu diesen beiden aktuellen Relaunches: Dass die grösste seriöse (?) Tageszeitung der Schweiz sich ein Impressum leistet, über das sich die ganze Branche bereits schief lacht, mag man als lustige Anekdote der helvetischen Pressegeschichte verstehen. Dass die Website nicht ein Jota Eigenständigkeit aufweist, ist hingegen ein ziemliches Armutszeugnis.

Die Seite der UB hat mich in den letzten Jahren fast täglich bei meinen Arbeiten begleitet. Seit einigen Tagen ist sie verschwunden. Ich habe kein Bild, keine Kopie, nichts, das mir geblieben ist (ausser die Archiv-Kopien auf archive.org). Nur die Erinnerung. Bei anderen Arbeitsinstrumenten, die mich bei meinen Recherchen und Buchprojekten in den letzten Jahren ebenfalls begleitet haben, habe ich entscheiden können, ob ich mir ein Stück Erinnerung aufbewahren möchte oder nicht: Notizbücher, Repertorien, kopierte Aufsätze – sie stehen bei mir in meinem Arbeitszimmer und manchmal helfen sie mir auf die Sprünge, wenn ich die Herleitung eines Gedankens, den ich irgendwo einmal formuliert habe, mir wieder vergegenwärtigen möchte. Die Web-Seiten derjenigen Institution, in der ich wohl die meisten Stunden verbracht habe, sind indes weg. Ein Teil der Genese meiner Arbeiten – «Paratexte» gleichsam des Schreibprozesses – ist damit verschwunden.

Bericht zur Memopolitik der Schweiz liegt vor!

Das Bundesamt für Kultur hat seinen lange erwarteten Bericht zur Memopolitik der Schweiz veröffentlicht und interessierte Kreise zur Anhörung eingeladen. Der Bericht umreisst die Eckpunkte für «Eine Politik des Bundes zu den Gedächtnissen der Schweiz»:

Der Bericht zerstört die Illusion, der Bund sei verantwortlich für eine umfassende Regelung der Memopolitik in der Schweiz über alle Instanzen und Bereiche hinweg und weicht damit von den ersten Entwürfen einer Memopolitik ab. Der Bund ist verantwortlich dafür, dass seine Gedächtnisinstitutionen den aktuellen Herausforderungen begegnen können. Dies ist die Rolle des Bundes bei der Bewahrung des Gedächtnisses der Schweiz.

Auch hist.net ist offiziell eingeladen worden, zum Bericht Stellung zu beziehen, was uns natürlich sehr gefreut hat und selbstverständlich werden wir bis Ende August eine Stellungnahme abgeben. Gerne würden wir aber auch die Leserinnen und Leser unseres Weblogs einladen, den Bericht in unseren Kommenatarspalten zu diskutieren. Wir werden uns bemühen, diese Wortmeldungen in unsere eigene Stellungnahme einzubeziehen.

P.S.: Die wunderbare Abbildung stammt aus einer einschlägigen Vorstudie: Knoepfel, Peter / Olgiati, Mirta: Politique de la mémoire nationale, Chavannes-près-Renens 2005.

Das totale Gedächtnis. Eine Horrorvision aus den IT-Laboratorien

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Der Radiomacher und Blogger Patrik Tschudin hat in seinem Weblog io auf eine regelrechte Horrorvision des totalen digitalen Gedächtnisses hingewiesen: Jeder Klick und jeder Tastendruck wird registriert und abgelegt. Alles wird gespeichert, alles ist reproduzierbar. Ein Forschungsbericht aus der Küche von Google und Microsoft skizziert eine solche Entwicklung. Das Militär kam übrigens schon früher auf ähnliche Gedanken, wie Telepolis 2003 berichtete.

Hochschullehre 2.0

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In einem halben Dutzend Lehrveranstaltungen an den Univeristäten Basel, Luzern und Zürich habe ich in den letzten Semestern mit Wiki-Systemen und Weblogs gearbeitet. In jeder Lehrveranstaltung variierte ich das Szenario, um Erfahrungen zu sammeln und die unterschiedlichen Nutzungspotentiale auszuloten.

Die (Zwischen-)Bilanz ist durchaus positiv: Die Möglichkeiten sind enorm, die Bereitschaft der Studierenden, auf diese neuen Tools einzusteigen (mit ganz wenigen Ausnahmen) auch. Die Ergebnisse sind alles in allem erfreulich, und zwar auch dann, wenn die Nutzung und der Einsatz nicht oder kaum reglementiert und besprochen werden.

Ich habe eine erste Beschreibung der verschiedenen Szenarien auf unserer Plattform hist.net zusammengestellt. Im Laufe des Sommers soll eine ausführlichere und auch didaktisch fundiertere Auswertung folgen. Anregungen und Hinweise zu ähnlichen Unterfangen werden gerne und dankend in den Kommentarzeilen entgegengenommen!

Für das kommende Herbstsemester sind übrigens in Basel ein Forschungsseminar zum Thema «Wikipedistik. Medienpraktische Forschungen im Web.2.0» geplant sowie ein reguläres und intensiv mit einem Weblog begleitetes Seminar mit dem Titel «Archiv, Speicher, Gedächtnis. Wissenschaftshistorische und medientheoretische Erkundungen».

Das Buch der Woche: Geschichte im Gedächtnis

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Unser heutiges «Buch der Woche» ist das neueste Buch von Aleida Assmann, die, obwohl Anglistin und Literaturwissenschaftlerin, eine der wichtigsten Stichwortgeber/innen der modernen Historiographie geworden ist. In ihrem neuesten Buch, entstanden aus einer Vorlesungsreihe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, beschäftigt sich Assmann erneut mit dem zentralen Thema ihres Schaffens: dem Gedächtnis. Dabei legt sie diesmal den Fokus auf die Rolle und Funktion von Generationen und exemplifiziert das Thema an einigen exemplarischen Generationen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Besonders gefallen hat mir der zweite Teil des Buches, in dem Aleida Assmann drei Grundformen historischer Präsentationen unterscheidet: Erzählen, Ausstellen und Inszenieren.

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Storytelling und Alpenglühn

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Nach den anregenden Tagen in Berlin nun noch ein Abstecher in die Alpen, nach Innsbruck. Unter dem Titel «Erzählen – medientheoretische Reflexionen im Zeitalter der Digitalisierung» trafen sich gestern und heute rund 60 Medienwissenschafter, Medienpädagogen und natürlich auch ein paar Historiker aus ganz Europa an der von Innsbruck Media Studies organisierten Tagung.

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Désherbage (2)

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Nachdem Kollega Hodel nun die Weltöffentlichkeit ganz charmant hat wissen lassen, dass der Haber nicht einmal sein eigenes Weblog mehr zu lesen scheint, sehe ich mich zu einer kurzen Rechtfertigung genötigt. Der Grund ist sehr einfach: Das mit der Désherbage hat nicht ganz funktioniert. Und das Haber-Archiv ist leider auch nocht nicht Teil des digitalen Gedächtnisses der Schweiz geworden. Obwohl ich vor einigen Monaten mein Archiv massiv entrümpelt hatte, blieb noch genug Material übrig, um mich vor während und eigentlich auch noch nach meinem Umzug Ende Oktober mehr oder weniger ausser Gefecht zu setzen. Aber jetzt schreibe ich nicht nur wieder regelmässiger, sondern werde auch mein eigenes Weblog wieder brav lesen!

 

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