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Fernseh-Archive im Internet

fernseharchive

Kollega Haber stellt die obligate Frage: Was hat der Beitrag „Das bisschen Haushalt…“ von Kollega Hodel mit … (in diesem Falle „digitalen Medien“) zu tun? Diese Frage kann (und soll) nicht unbeantwortet bleiben.

Bei der Recherche für einen Handbuch-Artikel hab ich eine Antwort auf die Frage gesucht, ob und wie alte Fernseh-Beiträge im Internet aufzufinden sind. Nun, es gibt eine einfache und eine etwas kompliziertere Antwort. Die einfache Antwort (und da wären wohl die Meisten selbst darauf gekommen) lautet: YouTube. Hier findet sich fast alles, was irgendwann einmal gesendet worden ist – Tausenden von Usern, die sich nicht um Urhebberrecht scheren, sei dank. Allerdings lassen Bild-Qualität und Zusatzinformationen (Stichwort „Metadaten“) zuweilen doch arg zu wünschen übrig. Die kompliziertere Antwort (auch das haben sich wohl die Meisten schon gedacht): Das Archiv-Angebot der TV-Stationen lässt (noch?) zu wünschen übrig.

Das liegt nicht nur daran, dass jede Fernsehstation auf seinem Archiv, so gut es geht, den Deckel draufhält, um noch möglichst viel Geld aus den alten Aufnahmen herauszuholen. Viele Beiträge sind gar nicht digitalisiert – und das kostet ganz schön. Da der Nutzen für die TV-Stationen unklar ist, beschränken sich die meisten Sender auf die Darbietung ausgewählter Sendungen im Sinne es „Best of“. Das Schweizer Fernsehen ist der erste Fernseh-Anstalt in Europa (laut Eigenangaben), die das gesamte Archiv sukzessive und robotergestützt digitalisiert. Wie das (digitale) Archiv dann zugänglich sein wird (sprich, ob kostenlos oder nicht), bleibt aber offen.

Daher sind auf dem (in der Website nicht ganz einfach zu findenden) Archiv-Portal des Schweizer Fernsehens schon vergleichsweise viele Beiträge aus den 50er bis 80er Jahren zu sehen und ermöglichen einen Einblick in die Themen, welche die Gesellschaft der vergangenen Jahrzehnte beschäftigt. Doch noch ist die Auswahl begrenzt und es bleibt unklar, nach welchen Kriterien die Beiträge ausgewählt wurden. Geordnet werden die Beiträge nach Personen, Zeiträumen oder (den Programmstrukturen entsprechenden) Themen. Einer meiner Favoriten: „Küche modern und rustikal“, vom 5. Oktober 1968.

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Eine Art Ableger dieses Archivs (weil in einem anderen Kontext entstanden) ist das stärker unter historischen Gesichtspunkten zusammengestellte Portal idée suisse, das anlässlich des 75-Jahrjubiläums der SRG/SSR (der öffentlich rechtlichen Schweizer Rundfunkgesellschaft) ausgewählte Fernseh- (und Radio-)Beiträge thematisch gruppiert zugänglich machte.

Etwas komplizierter ist der Zugang zu historischem Fernsehmaterial bei den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern. Es wird auch bedeutend weniger Archivmaterial zugänglich gemacht. Bei der ARD gelangt man über die Mediathek, das dortige Archiv zum Beispiel zu den einzelnen Beiträgen der Serie „50 Jahre Fernsehen„. Hier kann man die Jahresrückblicke der letzten 50 Jahre aufrufen. Allerdings sind nur Beiträge aus einzelnen Jahren verfügbar und dabei handelt es sich aber auch nur um digitalisierte Versionen der Wiederausstrahlungen anlässlich des Jubiläums im Jahr 2008. Ansonsten bietet die ARD archivierte Ausgaben verschiedener Informations-Sendungen (vor allem der Tagesschau) zurück bis maximal ins Jahr 2002.

Beim ZDF ist die Auswahl noch stärker eingeschränkt: So ist in der Mediathek eine Volltextsuche möglich, die aber nur vereinzelte Beiträge aus den 1960er und 1970er Jahren findet.

Auch bei ORF gibt es kein zentrales Archiv, nur einzelne Sendungen (Alpha, FutureZone) bieten Zugang zu archivierten Ausgaben, aber auch nur für die letzten drei bis sechs Jahre.

Die BBC, um mit einem kleinen Ausblick über den deutschen Sprachraum hinaus zu enden, hat auf dem eigenen Archiv-Bereich mit der Bereitstellung von „collections“ zu ausgewählten Themen begonnen. Die französischen Fernsehsender kennen kein Archiv.

Diese summarischer Aufriss kann nicht den Anspruch erheben, die Frage nach im Internet zugänglichem archiviertem Fernseh-Material erschöpfend behandelt zu haben. Die Kommentar-Spalten stehen wie immer allen offen, um ergänzende Bemerkungen und Hinweise anzubringen!

11 Kommentare auf “Fernseh-Archive im Internet”

  1. Oliver meint:

    Eine schöne Übersicht über das Angebot, doch dass die französischen Fernsehsender kein Archiv kennen, ist etwas gar grob und auch falsch. Das französische „Institut nationale de l’audivisuel“ INA ist die nationale Archivinstitution nicht nur für TV, aber auch für Film, Radio, Werbung und Foto. Memoriav mit grosser Kelle angerührt sozusagen. Auch bei der Retro-Digitalisierung ist INA ziemlich Avantgarde. Über die Webseite http://www.ina.fr kann man Wochenschauen, französische Nachrichten und Sendungen in guter Qualität anschauen, die Erschliessung lässt überdies wenig Wünsche offen. Für den 65. Jahrestags des Beginn des Algerienkriegs am kommenden Allerheiligen-Sonntag, eine kleine Wochenschau über die „hors-la-loi“ und die „nettoyage systematique des montagnes en Aurès“ (http://www.ina.fr/histoire-et-conflits/decolonisation/video/AFE85007139/operations-militaires-de-l-aures.fr.html) Viel lustiger ist natürlich ein Besuch von Asterix und Obelix im Studio. Qui est gros? (http://www.ina.fr/art-et-culture/litterature/video/I00016809/pierre-tchernia-avec-asterix-et-obelix-et-leurs-createurs.fr.html).
    Hat Frankreich in der Archivierung und Digitalisierung von audiovisuellen Medien gar die Nase vorn und steht google und Co. für einmal hintan?

  2. Oliver meint:

    Kleiner Kopierfehler für Asterix und Obelix, hier der korrekte Link
    http://www.ina.fr/art-et-culture/litterature/video/I00016809/pierre-tchernia-avec-asterix-et-obelix-et-leurs-createurs.fr.html

  3. Jan Hodel meint:

    Herzlichen Dank an Oliver für den Hinweis auf das Institut national de l’audiovisuel (Ina). Die vom INA betriebene Inathèque ist seit 1995 die Organisation, die die gesetzlich vorgeschriebenen Pflichtabgabe-Exemplare audiovisueller Werke sammelt. Sie verfügt aber eine grosse Sammlung von älteren Radio- (seit 1933) und Fernseh-Archivalien (seit 1949). Die Gesamtheit der Daten der Inathèque umfasst 4 Millionen Sendestunden, die aber nur in den entsprechenden regional verteilten Einrichtungen konsultiert werden können. Im Web ist eine Abfrage der Datenbanken möglich, die das Sendematerial vor allem ab 1992 erschliessen. Jedes Jahr kommen 900’000 Stunden hinzu. Rund 20’000 davon werden digitalisiert. Auf http://www.ina.fr sind aus diesem riesigen Fundus rund 25’000 Stunden audiovisuelles Material ausgewählt und thematisch gruppiert worden. Die Erschliessung mit Metadaten ist dabei vorbildlich.

    Auch in Deutschland gibt es eine zentrale Institution, die sich um die Archivierung von Rundfunk-Material kümmert: Das deutsche Rundfunkarchiv (http://www.dra.de). Die Zahl online zugänglicher Daten ist dort noch geringer, die Auswahl noch mehr exemplarisch zugespitzt. Der Zugang zu den Daten (sei es mittels Datenbank oder in der Institution selbst) ist mit der französischen Lösung nicht zu vergleichen.
    In der Schweiz gibt es bislang keine solche zentrale Einrichtung. Memoriav (http://de.memoriav.ch) koordiniert die Bemühungen verschiedener Institutionen und hat beispielsweise das Projekt „idee suisse“ (http://www.ideesuisse.ch) unterstützt.

    Noch eine Bemerkung zur gerügten Aussage, die französischen TV-Sender kennten kein Archiv. Natürlich ist dieser Satz grob vereinfachend, ja falsch, er kann aufgrund der gesetzlichen Ablieferungspflicht nicht zutreffen. Aus der Warte von Laien, beispielsweise Schüler/innen oder auch Lehrpersonen, die bei den Web-Auftritten der Fernsehstationen auf die Suche nach Quellenarchiven gehen (und das war eigentlich der Ansatz des Beitrags) erscheint es aber genau so: dass das „Archiv“ für die Fernsehsender ein nicht existierender Begriff ist (während man bei den anderen Fernseh-Stationen zumindest teilweise fündig wird). Für den Laien ist nicht bedeutsam, dass es im Prinzip einen Ort gibt, wo er Informationen findet, sondern wie einfach er diesen Ort ausfindig machen kann.

  4. Peter Haber meint:

    Für alle diejenigen, die eine umfassende Liste zum Thema konsultieren wollen: Das Fachportal Clio-Online vermeldet unter dem Stichwort „Medienarchiv“ vierzig geprüfte, metadatierte und kommentierte Links …

  5. Jan Hodel meint:

    Leider sind auf der genannten Liste (unter dem Aspekt von online zugänglichen Archivbeständen von Fernsehproduktionen) viele Institutionen ausser dem bereits erwähnten DRA und dem Archiv des Bayrischen Rundfunks (wo aber keine Quellen online eingesehen werden können) noch nicht einmal mit einer Web-Präsenz aufgeführt (beispielsweise das Archiv des ORF).

    Das INA, das BBC-Archiv oder das Archiv des Schweizer Fernsehens fehlen (leider noch) auf der Liste. Dafür finde ich für den deutschen Sprachraum noch das Wochenschau-Archiv (http://www.wochenschau-archiv.de/) erwähnenswert (nicht Fernsehen im engeren Sinne, aber doch interessant), das über 6000 Wochenschauen online zur Verfügung stellt. (Eintrag in Clio-Online)

    In der Clio-Online-Liste zu Multimedia-Angeboten im Web finden sich noch einige Einträge, die von unter dem Aspekt Fernseh-Archiv von Interesse sein könnten:

    Die Canadian Broadcasting Corporation bietet, ähnlich der BBC, in ihrem Online-Archiv (http://archives.cbc.ca) Zugriff auf rund 10’000 thematisch gruppierte Dokumente aus der Geschichte des kanadischen Rundfunks. Dabei werden Radio (ab 1920) und Fernseh-Beiträge (ab 1952) in den Dossiers gemischt. (Eintrag in Clio-Online)

    Interessant (aber auch nur auf einen, wenngleich bedeutsamen Aspekt des Mediums Fernsehen fokussiert) auch das Web-Angebot „The Great Debate and Beyond“ (http://www.museum.tv/debateweb/html/index.htm) des Museum of Broadcast Communications in Chicago, das sich gänzlich den TV-Debatten der US-Präsidentschaftskandidaten von 1960 bis 2000 widmet. (Eintrag in Clio-Online)

    Auch im Verzeichnis der audiovisuellen LeMO-Quellen (http://www.dhm.de/lemo/suche/videos.html) sind einige TV-Dokumente zu finden. (Eintrag in Clio-Online)

    Ansonsten gibt auch die geprüfte und metadatierte Auswahl des herausragenden Referenzprojekts Clio-Online nicht sehr viel her, wenn man auf der Suche nach online zugänglichen TV-Quellenbeständen ist.

  6. Peter Haber meint:

    Kollega Hodels Beobachtungen stützen immerhin die These, die wir hier vor einiger Zeit aufgestellt haben, dass nämlich das Ende der Portale langsam gekommen ist. Machen wir doch die Gegenprobe: Was bringt ein Social Network wie Delicious zum Thema?

  7. Jan Hodel meint:

    Nun, ehe wir uns darauf einigen, die Portale bereits als Teil der Geschichte zu betrachten, wie um die Jahrtausendwende mit Methoden der Gutenberg-Ära der Versuch unternommen wurde, Ordnung ins Internet-Chaos zu bringen, sei hier kurz angemerkt, dass ich es eigentlich schon schick fände, mir stände eine kleine, kurze und übersichtliche Liste zur Verfügung mit ca. 10 sinnvoll geordneten, geprüften und metadatieren Einträgen zu Websites, auf denen ich auf Fernseh-Archive zugreifen kann – und nicht eine Liste von 413 (wie bei Clio-Online zum Thema Multimedia) oder sogar 1094 Einträgen (wie bei Delicious zum Stichwort TV Archive), die ein kunterbunt durcheinander gewürfeltes Sammelsurium von Online-Angeboten sehr unterschiedlicher Qualität liefern. Die Stunden der Online-Recherche für diesen Eintrag, der ja doch nur an der Oberfläche zu kratzen vermag, hätte ich auch gerne für etwas Anderes eingesetzt.

    Dass die Fernseh-Anstalten ihre Archive sehr unterschiedlich zugänglich machen (sei es wegen urheberrechtlichen Bedenken oder aufgrund einer anderen Vorstellung darüber, wie und von wem die Archivbestände genutzt werden sollen) ist wohl kaum dem Portal zum Vorwurf zu machen.

    Dennoch zeigt das konkrete Beispiel, dass der zentralistische Ansatz der Portale weder in Bezug auf Flexibilität noch auf Aktualität mit der Realität verschiedener Fragestellungen noch der stetig sich wandelnden Angebote Schritt halten kann. Aber ist Delicious (oder sogar einfach nur YouTube) die Alternative?

    Das wäre der Anlass, nicht nur über das Ende der Portale, sondern eben auch über den Anfang des (ebenfalls im gleichen Post von Kollega Haber angesprochenen) H-Desk nachzudenken – im Idealfall eines intelligent vernetzten H-Desks, womit (beispielsweise) eigene Recherchen anderen zur Verfügung gestellt und im Gegenzug die Recherche-Ergebnisse anderer genutzt werden könnten – eine Art von der Fach-Community gepflegter Datenbestand von Verweis-Informationen, der in Bezug auf Metadatierung und Qualität wissenschaftlichen Standards entspricht, und laufend im Rahmen der Forschungsarbeit der in der Community versammelten Forscher aufdatiert wird. Darüber denken ja (nebst – natürlich – Kollega Haber und – gelegentlich und in weitaus bescheidenerem Rahmen – auch meiner Wenigkeit) sowohl die Kollegen an der George Mason University (im Rahmen der Funktionen der „Zotero Groups“) als auch jene beim Projekt Docupedia nach.

  8. blogthek - Fernseharchive im Internet meint:

    […] dort 24 Sendungen. Einen Überblicksartikel zum Thema Fernseharchive findet sich auf Histnet.ch, wo ich auch auf den INA-Tipp gestosen […]

  9. Henrike Hoffmann meint:

    Ein etwas später Nachtrag: Auch das westschweizer Fernsehen stellt eine Auswahl seines Archives online zur Verfügung, siehe: http://archives.tsr.ch/home

  10. Jan Hodel meint:

    Danke für den Hinweis, ich kann mir vorstellen, dass noch weitere Hinweise in nächster Zeit folgen, wenn nach und nach die Fernsehanstalten und -unternehmen Teile ihres Archivmaterials über das Web zugänglich machen.

  11. Yves Niederhäuser meint:

    Gerne helfe ich hiermit die Prophezeiung Jan Hodels zu erfüllen mit einer kleinen und einer grösseren Ergänzung.
    Über archives.tsr.ch hinaus versucht das Westschweizer Fernsehen (erfolgreich, wenn man als Kriterium die Nutzerstatistiken heranzieht) mit http://www.notrehistoire.ch/about/ in Web2.0(Portal)-Manier die Kunden/Benutzenden bei der (breit verstandenen) Archivierung audiovisueller Dokumente einzubeziehen. Ein spannender Weg für die Verbreitung und den Zugang zu solchen Archivbeständen – aber keinerlei Ersatz für Bemühungen (enger verstandener) Archivierung.
    Um letztere bemüht sich – wie oben erwähnt – der Verein Memoriav. Im gesamten Austausch (und den angegebenen Listen und Verzeichnissen) zu dieser Frage fehlt bisher leider die Information, dass Memoriav mit „Memobase“ (http://de.memoriav.ch/memobase/default.aspx) eine beachtliche Menge (über 160’000) systematisch erschlossener und begründet ausgewählter TV-Dokumente (und Wochenschauen) nachweist und auch die Zugangsmöglichkeiten angibt.
    In dem Bereich ist tatsächlich sehr viel im Gang, und die nähere Zukunft wird wohl noch zahlreiche Ergänzungen und Beschäftigung zum Thema bringen.

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